Grass illustriert Andersen
Lithografien und Radierungen geben Einblick in das grafische Werk von Nobelpreisträger Günther Grass.

Ausstellung im Färbertörle vom 09.10. - 30.10.05
Vernissage am Sonntag 9.Oktober 2005 11.00 Uhr

Der deutsche Literatur- Nobelpreisträger Günter Grass erweist dem dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen (1805-1875) kunstvoll seine Reverenz. Grass hat 30 Märchen Andersens ausgewählt und dazu ebenso humorvolle wie ausdrucksstarke Illustrationen geschaffen. Die Titel vieler Märchen sind vertraut: "Der Schweinehirt", "Däumelinchen", "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern", "Das hässliche junge Entlein", vor allem aber "Die Prinzessin auf der Erbse" und "Des Kaisers neue Kleider".

"Hohe Literatur" ist das für Grass: "Andersen entwirft eine Welt, in der es real und phantastisch zugeht, in der das Kleine an Witz dem Großen überlegen ist, der Zahnschmerz persönlich als "Tante Zahnweh" auftritt, die für "Des Kaisers neue Kleider" bestellten Schneider
Luft zu nähen vermögen, eine einzige Erbse durch zwanzig Matratzen hindurch der Prinzessin den Schlaf raubt und der Schatten des reisenden Gefährten ein Eigenleben führt." In einer Art Laudatio zum Abschluss des Bandes auf den zu Lebzeiten in seiner Heimat teilweise
angefeindeten Dichter geht Grass auch darauf ein, dass Andersen "in vielen seiner Märchen versteckt oder vorlaut anwesend" ist. «Seinen Zeitgenossen galt er als häßlich, und auch er mag sich selbst als von häßlicher Gestalt gesehen haben, doch gespiegelt in seinen Märchen
entpuppt sich das Entlein als Schwan und bekommt Hans Tolpatsch die Königstochter zur Frau."

In seinen Lithographien setzt Grass einen Kontrapunkt zu früheren biedermeierlich-romantischen Illustrationen. Das Bild zur grausamen Geschichte "Die roten Schuhe", in der ein Mädchen nicht aufhören kann zu tanzen und sich schließlich die Füße abhacken lässt, zeigt brutal realistisch Beinstümpfe und Axt. Zum "Schweinehirten" zeichnet Grass eine Prinzessin, die von einem Schwein geküsst wird. Und zu "Des Kaisers neuen Kleidern" einen nackten, birnenförmigen Regenten, der an Helmut Kohl mit Genscher-Ohren erinnert. "Das darf man gerne da hineinsehen. Ich glaube es war Kohl, der mal in den neuen Bundesländern "blühende Landschaften" versprochen hatte. Das ist eine typische "Des Kaisers neue Kleider"-Geste", sagt Grass.

Grass und Andersen haben auch manche Parallele: In der Heimat sind beide viel kritisiert, und beide brauchen den künstlerischen Ausgleich zum Schreiben - Grass ist Bildhauer und Zeichner, Andersen schuf Scherenschnitte, Collagen und ebenfalls Zeichnungen.

Und auch Grass hat in seinen Büchern - etwa in den Romanen "Die Blechtrommel" oder "Der Butt" - immer wieder den Märchenton angeschlagen und schätzt, wie er bekennt, diese Form des Erzählens. Den Band beschließt denn auch eine Porträt-Zeichnung, die Grass' und Andersens Gesichter direkt gegenüber zeigt - auf gleicher Augenhöhe.

Besprechung: Matthias Hoenig